Erzähltes Leben

Erzähltes Leben

So unterschiedlich kann autobiografisches Schreiben sein!

In dieser Lesung gibt es ein Kontrastprogramm mit der spannenden Autobiografie einer Gastarbeiterin der ersten Generation, Emine Balfi, die gemeinsam mit mir aus ihren Memoiren Maulbeerstock und Minirock liest und den Auszügen aus meiner Erzählung Eine wie ich, die sich wie ein Puzzle aus einzelnen Mosaikstückchen, den Gedankensplittern, zu dem Bild einer Frau, die Ende der 1980er Jahre nach Duetschland zurückkehrt.

 

Freitag, 20. Mai 2016

20 Uhr

im schönen Ambiente des Gemeinschaftsraums der Wohngemeinschaft des ehemal. Karmelklosters

Karmeliterstraße 1

Bonn-Pützchen

 

Was genau ist eigentlich Gleichberechtigung?

G

„So ungleich sind Männer und Frauen“ betitelt die sz.de ihre Recherche zum Thema Gleichberechtigung. Und in der Tat interessant, was da an bloßen Fakten zusammengetragen wurde. Interessant aber auch die Diskussion auf rivva.de und Twitter unter dem Hashtag  dazu. „Auch nackte Zahlen erzählen Geschichten“, heißt es da. Und „bitte weiter zählen: Überstunden, Bereitschaft zu Überstunden, berufliche Todesfälle, Lebenszeit etc.“ oder „Versteht sich jemand (…) als Maskulist?“, „Milchmädchenrechnung ohne Ursachenbetrachtung gefällig?“ „und überall als Übertitel nur die männliche Form“ und „Was hat das mit Gleichberechtigung zu tun? Wo wird anhand irgendeiner Korrelation eine Kausalität nachgewiesen?“

Wir müssen genauer hinschauen

Es ist sicher auch z.T. dem Twitterformat geschuldet, dass keine detaillierteren Betrachtungen zu lesen sind. Dabei wäre es wert in die Richtung weiterzudenken, die im zuletzt zitierten, kritischen Kommentar angedeutet wird. Um es gleich vorweg zu sagen – ich denke, dass die Zahlen ganz deutlich zeigen, dass Frauen in bestimmten, insbesondere gehoben Positionen zu wenig vertreten sind oder in der Kunst  zu wenig Anerkennung finden. Andererseits misstraue ich solchen Zahlen zumindest dann, wenn man glaubt, dass einzig sie etwas über Gleichberechtigung aussagen. Dann würde man nämlich zu kurz schauen. Ein Beispiel, das ich jüngst im Zusammenhang mit dem Thema Mediation hörte, mag das deutlich machen.

Zwei Menschen haben eine Zitrone bekommen. Was nun? Wer soll die bekommen oder soll die geteilt werden? Letzteres scheint die gerechte Lösung zu sein. Also wird die Zitrone halbiert und jeder bekommt eine Hälfte. Nur leider ist damit keiner der beiden Personen gedient. Warum? Weil Person A die Zitronenschale für ihren Kuchen braucht, Person B den Saft für ein Heißgetränk. Eine gerechte Lösung sieht also oft anders aus als eine mathematisch exakte Lösung.

Woran erkennt man Gleichberechtigung?

Um von Gerechtigkeit oder auch Gleichberechtigung sprechen zu können, muss man auf die Bedürfnisse der Beteiligten schauen. Die kommen in den Zahlentabellen aber nicht vor. Wenn also 58 % Frauen und 20 % Männer in Teilzeit arbeiten, sagt das an sich noch gar nichts über Gleichberechtigung aus. Es sagt schlicht etwas über die Verteilung der Teilzeitarbeitsplätze aus. Wenn nun 100 % der Frauen und 100 % der Männer mit dieser Verteilung zufrieden sind, herrscht dann Gleichberechtigung? Schwierig, nicht wahr? Können wir von Gleichberechtigung sprechen, wenn annähernd 50 % der Baumaschinenführenden Männer und 50 % Frauen wären oder deine ähnliche Verteilung bei Sprechstundenhilfen herrschte? Oder wäre das vielleicht eher Gleichmacherei, um den Statistiken aber nicht den Bedürfnissen Genüge zu tun. Vermutlich haben 2020 Frauen und Männer andere Bedürfnisse als 1920. Immerhin ist die Zahl der männlichen Erzieher meines Wissens in den letzten Jahren gewachsen. Wenn also jeder und jede sich so frei entfalten kann, wie er oder sie es wünscht, ist schon ein gewaltiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung getan.

Anerkennung

Aber es fehlt noch etwas anderes. Denn zu wahrer Gleichberechtigung gehört auch die gleiche Anerkennung für geleistete Arbeit. Und die drückt sich hierzulande vornehmlich in Geld aus. Dass nur 16 % Frauen unter den 50 reichsten Deutschen sind, ist schon ein Anhaltspunkt, Zahlen über Verdienste wären da aufschlussreicher (die gibt es z. B. auch bei destatis) , obwohl auch sie nicht alles sagen. Denn Frauen, die nach der Geburt ihres Kindes lieber zwei Jahre bei ihrem Kind bleiben als zu ihrer Arbeitsstelle zurückzukehren oder eine Teilzeitarbeitsstelle annehmen (sofern sie es sich leisten können), verdienen hierzulande selbstverständlich weniger als Frauen in Vollzeitstellen. Ganz abgesehen von dem Karriereknick, den sie dadurch möglicherweise erleiden, werden sie aber oftmals ob ihrer Entscheidung geächtet. Denn, so will es mir scheinen, ist die Entwicklung hinsichtlich der Anerkennung von Hausfrauen- und Mutterarbeit (selbstverständlich auch Vaterarbeit) in den vergangenen Jahren eher rück- als fortschrittlich. Sieht man diese nur in Geldwerten, wird man vermutlich dazu Tabellen finden, die eine Besserstellung der Hausfrau gegenüber früheren Zeiten belegen. Aber wie sieht es mit den Einstellungen in der Außenwelt dazu aus? Was sagen berufstätige Frauen und Männer über „Nur-Hausfrauen“ oder über „Nur-Hausmänner“? Und wie kann man diese Art der Anerkennung messen? Das würde ich gerne wissen. Man kann ja zum Glück bei der SZ seine Wünsche nach weiteren statischen Erhebungen kundtun.

Ein Gedankenexperiment

Stellen Sie sich einmal folgendes vor: Sie leben in einer Gesellschaft, in der Erziehung und vertrauens- und liebevolle Eltern-Kind-Beziehungen extrem hohe Güter sind. Daher wird in die Ausbildung der Eltern, in die Vermittlung von pädagogischem und psychologischem Wissen sehr viel investiert – von entsprechender Schulbildung bis zu Eltern-Akademien. Auf eine liebevolle Umgebung mit Fokus auf Kreativitäts- und Talentförderung, Erlernen von Konfliktlösungsstrategien und dergleichen mehr wird größten Wert gelegt und Eltern von erwachsenen Kindern mit einer gelungenen Sozialisierung (wie auch immer genau das gemessen wird) wird höchsten Respekt gezollt, was sich z. B. in der Vergabe von einflussreichen Ämtern ausdrücken würde. Was würde man in einer solchen Gesellschaft über „Nur-Hauselternteile“ sagen?

Fazit: Eine Statistik ist nur so gut, wie sich darin die Werte einer Gesellschaft und die Bedürfnisse ihrer Mitglieder widerspiegeln.

Adieu mein stechender Weihnachtsbaum

Unser Weihnachtsbaum

Gestern habe ich den Weihnachtsbaum entsorgt – früher als in allen Jahren zuvor. Und dabei hat er nicht einmal genadelt. Aber ich wurde einfach nicht warm mit ihm. Es fehlte die Freude, die ich sonst immer empfand. Bei jedem Betrachten missfiel mir irgendetwas. Nein, es ist nichts besonderes geschehen, kein tiefgreifendes Ereignis, das mich an dieser Freude hindern würde. Warum dann also? Heute, wo er weg ist, kann ich dieser leisen Frage in mir nachgehen. Und dabei drängen sich sofort die Dinge auf, die in diesem Jahr anders waren als in den Jahren zuvor.

So war es in den Jahren zuvor

Üblicherweise feiere ich Weihnachten mit meinen erwachsenen Kindern. Sie kommen an Heiligabend nachmittags und wir stellen gemeinsam den Baum auf. Dann schmücken die beiden ihn und ich kümmere mich derweil ums Essen. Anschließend sitzen wir gemütlich und fröhlich zusammen, genießen Entenbrust, Kartoffelgratin und Rotkohl und ziehen irgendwann vom Esstisch weg aufs Sofa neben den Baum. Dann werden in aller Ruhe Geschenke ausgepackt, jedes  wird gebührend gewürdigt, wir naschen von den Weihnachtstellern – das ist der Nachtisch – und sind glücklich, wieder einmal einen so harmonischen friedlichen Abend miteinander zu verbringen. Ich weiß, dass jede von uns diesen Abend in vollen Zügen genießt. Und nicht selten kommen dann ihre Partner später dazu und sind ebenso Teil unserer kleinen friedlichen Welt.

Das Prachtexemplar

Auch dieses Jahr war es nicht viel anders – bis auf ein paar Kleinigkeiten. Meine Töchter kamen statt an Heiligabend am 1. Weihnachtstag, da sie erst am Mittag des 1. von einer Reise zurückkamen. Sie hatten es mir überlassen zu entscheiden, ob ich den Baum schon vorher schmücken oder sie ihn dann schmücken würden. Ich hatte mich für Ersteres entschieden, warum auch immer. Ich kann es nicht genau sagen. Wollte, glaube ich, Zeit gewinnen – was im Nachhinein betrachtet eigentlich absurd ist. Und noch etwas: Ich hatte das Angebot eines Freundes angenommen, mir einen Baum zu besorgen, hatte das gute Stück, das heute auf dem Rasen am Abholplatz der Müllabfuhr liegt, nicht selber ausgesucht. Meinen Kindern gegenüber erwähnte ich diesen Freundesdienst nicht. Als wäre es ein heimlicher Verstoß gegen unsere Familientradition, so kam es mir insgeheim wohl vor. Betrügte ich etwa meine Kinder damit, dass ich nicht selbst den Baum für uns aussuchte? So manche nur angehauchten Schuldgefühle sind nicht nur irrational, sondern werden in aller Regel auch nicht tiefer ergründet. Mein Freund jedenfalls war stolz und strahlte über das ganze Gesicht, als er ihn brachte: „Ich habe ein Prachtexemplar von Baum für dich besorgt.“, sagte er. Und als wir ihn dann aufstellten, brachte ich es nicht über mich, ihm meine Enttäuschung zu bekennen. Der Baum war stellenweise oben ausladender als unten und hatte an einer Stelle ein Loch. Normalerweise halte ich mich nicht lange mit solchen Enttäuschungen auf. Dann ist es halt so – ist eher meine Devise und das tut der Freude am gemeinsamen Feiern keinen Abbruch. Oder vielleicht doch? Ich schmückte den Baum eigenhändig und war auch mit diesem Ergebnis anschließend unzufrieden, ohne es jedoch zu ändern. Wer weiß, was meine Töchter über das „Prachtexemplar“ dachten, jedenfalls sagten kein Wort, als sie ihn sahen. Ich habe es als Rücksicht mir gegenüber interpretiert.

Wir haben dann genauso schön gefeiert, wie sonst auch und jeden Moment genossen. Aber seit ich wieder alleine davor sitze, kann ich nicht umhin, jedes Mal die natur- und menschgegebenen Fehler an ihm zu sehen. Und ich habe schon jetzt beschlossen, den nächsten wieder selber auszusuchen und ihn von den Kindern schmücken zu lassen. Nicht, dass der dann unbedingt perfekter wäre, aber er sticht nicht so.

Nachts am PC

nachts am pc

Es gibt diese Zeiten, wo du nachts um vier aufstehst, dich an den PC setzt, um an dem einen Satz zu feilen, der dir durch den Kopf geht, und den du auf keinen Fall vergessen willst, weil du an etwas arbeitest, das dich wie ein Fieber gepackt hat, dich, die du sonst sieben Stunden fest durchschläfst. Dieses Fieber, das du nur hast, wenn eine große Vision von dir Besitz ergriffen hat und das dir nach langer Trockenperiode zeigt, warum du tust, was du tust. Das dich glücklich statt ärgerlich über den ausbleibenden Schlaf macht. Weil deine Arbeit dein Leben ist. Die Vision? Coming soon.

Angebrannt

Sie ist heute so verletzlich. Beim Betrachten eines Fotos, fällt ihr die tiefgründige Trauer in den Augen ihres Bruders auf. Nicht zum ersten Mal. Doch heute muss sie deswegen weinen. Oder weshalb sonst?

Sie lässt den aufgewärmten Kaffee anbrennen.

Sie schreibt zwei Sätze und hört wieder auf.

Sie überlegt, die regelmäßigen Treffen mit den Partnern abzusagen. Das letzte schnürt ihr beim Gedanken daran noch immer die Brust ein.

Sie entdeckt, dass der vermeintliche Freund sein Versprechen nicht gehalten hat.

Sie ist mal wieder zu nichts zu gebrauchen – findet sie.

Knoten im Seil

 

9_freiheit

Mein erstes Crowdfunding-Projekt ist an den Start gegangen. Und ein fantastisches gleich dazu:

Knoten im Seil

Bilder und Geschichten aus der magischen Welt

 

heißt das Buch, das ich gemeinsam mit dem Maler Eberhard Marx verfasst habe und das auf seine Herausgabe wartet.

Dazu brauchen wir zunächst viele Fans und später viele, die das Projekt finanziell unterstützen. Denn viele kleine Spenden machen ein Buch. Aber es gibt auch Dankeschöns dafür.

Am besten einfach mal anschauen – hier:

https://www.startnext.com/knotenimseil?tblink=statuslog

Hoffentlich klappt’s. Bin schon ganz aufgeregt.

Mit zwei sieht man besser

Sprachvermögen

 

 

 

 

 

 

Ich bin ja Fußballfan (auch wenn mancher das nicht glauben mag), insbesondere der BVB hat es mir angetan. Und natürlich habe ich gestern das Champions-League-Spiel der Dortmunder angeschaut. Tja, und dann kam da dieser Spot vom ZDF mit dem Gewinnspiel, und ich dachte: Hab ich jetzt den falschen Sender erwischt? Bin ich bei RTL II oder einem ähnlichen Fernsehkaliber gelandet? Da  lese ich die Frage: Zum wievielten Mal nacheinander ist Borussia Dortmund für die Uefa Champions League qualifiziert? So weit so gut! Doch die Antworten lassen mich am Sprachvermögen des ZDF zweifeln. Da steht „Zweimal“ und „Viermal“. Nein, es ist nicht die Zusammenschreibung – die ist korrekt, es ist der Kasus, der mich stört. Da müssen sich die Antworten doch der Frage anpassen. Also müsste da stehen „zum zweiten Mal“ und „zum vierten  Mal“, wobei für die Ordinalzahlen übrigens die Regeln der Adjektivdeklination gelten und sie auch als Nomen verwendet werden können, was wiederum bedeutet, dass sie wie andere Nomen in verschiedenen Fällen auftreten, was das ZDF sehr wohl weiß. Sollte das ZDF jedoch eine neue Rechtschreib- und Grammatikreform anstreben, empfehle ich dem Sender künftig mit diesem Spruch zu werben : Mit Zwei sieht man besser.

Was sagt dir deine Kartoffel?

Was sagt dir deine Kartoffel?

Ich stehe an der Supermarktkasse, auf dem Band vor mir ein Sack Kartoffeln: „vorwiegend festkochend“. Wie so oft beim Lesen dieser Etikettierung beschleicht mich ein Unbehagen und da ich eh warten muss, habe ich Zeit und Muße, diesem Unbehagen auf den Grund zu gehen. Das „festkochend“ lasse ich mal so gelten (obwohl auch das eine eingehende Untersuchung wert wäre), meine Gedanken kreisen um das „vorwiegend“. Was heißt das denn? Die erste Bedeutung, die mir in den Sinn kommt ist „meist“ oder „meistens“, andere Synonyme wären „überwiegend“, „in der Mehrzahl“, „fast immer“, „in der Regel“ oder „größtenteils“. Hm, sind also die meisten Kartoffeln im Sack festkochend und die anderen nicht? Das ist ja wohl nicht gemeint. Es könnte aber ebensogut bedeuten, dass die Kartoffeln die meiste Zeit festkochend sind, aber dass es auch Tage gibt, an denen sie sich anders verhalten. Sie führen mithin ein undurchschaubares Eigenleben, diese Kartoffeln. Ich durchforste mein Gehirn nach Beispielen, in denen „vorwiegend“ noch andere Beduetungen hat. „Überwiegend“ fällt mir ein, aber der Unterschied zu „meistens“ ist nur minimal, manchmal wird es im Sinne von „hauptsächlich“ verwendet. Aber „hauptsächlich festkochend“ will sich mir nun gar nicht erschließen, wie wären sie denn nebensächlich? Noch ein Synonym fällt mir ein: „vor allen Dingen“, aber das will auch nicht so recht zu den Kartoffeln passen. Dann wären sie festkochend und andere Eigenschaften, wie groß, süß, jung oder ähnliches würden einfach nicht genannt.

Natürlich kann ich mir denken, was ausgesagt werden soll, ich kenne ja die Unterscheidungen. Da gibt es noch die festkochenden (ohne „vorwiegend“) und die mehlig kochenden Kartoffeln. Lässt man die letzteren außer acht, geht es nur darum die beiden ersten voneinander abzugrenzen. Und jetzt wird es lustig, denn die vorwiegend festkochenden sind weniger festkochend als die festkochenden. Aber „weniger festkochend“ ist wahrscheinlich für die Werbetreibenden, die diese Wortkombinationen kreieren, zu negativ. Da wird ein Mangel assoziiert – geht gar nicht. Das Beste wäre es, ein völlig eigenständiges Wort zu haben, ebenso sinnlich wie „mehlig“ und „fest“. Dann beginne ich mal mit meinem Brainstorming: schlaff, zart, mürbe (zu nah an mehlig), robust, stabil, sehnig, ledern, zäh, steif, hart, robust, kernig, kompakt …

Ich bin  gespannt, wann der erste Hersteller mit einer neuen Kartoffelkonsistenz aufwartet. Bis dahin kann ich mich wohl noch lange vorwiegend festschreibend betätigen.

Die Sache mit der Logik

Logik

 

 

 

 

 

 

In der Beilage der letzten FAS ist ein Artikel von Mathias Müller von Blumencron: „Das Netz der Fremden“. Soweit so gut, von Blumencron ist schließlich Chefredakteur Digitale Medien bei der FAZ. Aber über den Untertitel komme ich nicht hinaus. Wie so oft, bleibe ich Korinthenkacker an der Formulierung, der Sprachungenauigkeit hängen und das Gedankenkarussell dreht sich. Der Untertitel lautet: „Es war die Verheißung der sozialen Medien: Jeder Mensch soll eine Stimme haben. Inzwischen müssen wir einsehen: Oft genug ist das Gegenteil richtig.“

Das Gegenteil – was genau ist das denn? Gehen wir die Sache logisch an. Bezieht es sich auf den Satz nach dem Doppelpunkt, wären folgende Varianten möglich:

– Nicht jeder Mensch soll eine Stimme haben.

– Kein Mensch soll eine Stimme haben.

– Jeder Mensch soll keine Stimme haben.

Denkbar wären erweiterte Varianten wie:

– Kein Mensch darf eine Stimme haben.

– Jeder Mensch darf keine Stimme haben.

Beziehen wir den Teil vor dem Doppelpunkt mit ein, kommt diese Variante hinzu:

– Es war keine Verheißung der sozialen Medien…, wobei dann das Nachfolgende entweder so stehen bleibt wie gehabt oder eine der obigen Möglichkeiten gewählt werden kann. Das wäre allerdings streng genommen eine doppelte Verneinung.

Wenn nun, wie behauptet oft genug das Gegenteil richtig ist, was glaubt Ihr, was ist dieses Gegenteil? Oder was meint von Blumencron, das es sei?